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Wild geboren

Textauszug Zeitschrift "Geliebte Katze" Ausgabe April 05
Autorin Martina Braun

Wild geboren

Mit der Frage, ob wild geborene Katzen zähmbar sind und wenn ja, bis zu welchem Alter kann man vermutlich „Kriege“ zwischen Tierheimen, Felinenforschern und Katzenkennern auslösen! Die einen sagen, dass der Welpe spätestens in der fünften Lebenswoche von der verwilderten Mutter getrennt werden muss, um eine zutrauliche Katze aus ihm zu machen und sprechen allen älteren Tieren schlicht jegliche Chance ab. Sie begründen ihre Argumentation mit der Sozialisierungsphase, die bei der Katze schätzungsweise zwischen der 4. und 7. Lebenswoche stattfindet. Im Rahmen dieser „Prägungsphase“ lernt eine Katze den Mensch als Sozialpartner kennen. Man muss sich das so vorstellen: alles, was in dieser Phase geschieht, wird nicht im herkömmlichen Sinne „erlernt“ sondern es findet eine irreversible Prägung statt. Alles, was in dieser Zeit unbekannt bleibt, wird der Katze Zeit ihres Lebens Angst bereiten. Allem, was negativ geprägt wurde, wird immer mit Misstrauen begegnet werden. So kann eine, auf den Menschen geprägte Katze monatelang ohne menschlichen Anschluss herumstreifen. Ihre Prägung auf den Mensch als Sozialpartner wird sie deshalb nicht verlieren. Grundsätzlich mag diese Auffassung also schon stimmen! Aber sehr viele Katzenfreunde und engagierte Tierheime werden diese Meinung problemlos widerlegen können! Es gibt unendlich viele wild geborene Katzen, die sich auch noch in späterem Alter dem Menschen (mehr oder weniger!) angeschlossen haben. Wie das? Nun, ich denke, hier liegt eine Verwechslung der Begriffe vor, denn diese Katzen sind nicht im oben beschriebenen Sinne auf den Mensch als Sozialpartner geprägt sondern es fand eine Habituation (Gewöhnung) statt! Gewöhnung ist erlernbar, und das ein Leben lang. Die Katze, die nicht in menschlicher Obhut aufgewachsen ist, hat also den Mensch nicht als sozialen Lebenspartner erfahren. Aber sie hat gelernt, mit ihm zu leben! Katzen lernen visuell, also durch Zuschauen. Als ausgeklügelte Spezialistin in Sachen Körpersprache ist es ihr ein Leichtes, mit der Zeit zu lernen, wie ein Mensch aussieht, der für sie eine Bedrohung darstellt und wie sich jemand aufführt, von der sie Gutes zu erwarten hat. Das kann natürlich verschiedenste Wege genommen haben: sie hat gelernt, ihm auszuweichen, weil sie gejagt und verscheucht wurde. Oder sie hat gelernt, dass es Menschen gibt, die ihr wohl gesonnen sind, von denen sie Futter oder einen warmen Schlafplatz erhält. An den Küstenregionen hat so manches Tier gelernt, in Symbiose mit den Fischern zu leben, weil sie sich von deren Abfällen ernähren kann. Usw.

Diese Tatsache bestätigt die Erfahrungen all jener Katzenliebhaber, die eine ehemals wild geborene, ältere Katze aufgenommen haben. Aus dieser Sicht betrachtet kann man dann aber auch zu dem Schluss gelangen, dass eigentlich alle Behauptungen richtig sind:

Soll eine Katze auf den Mensch geprägt werden, muss sie noch während der Sozialisierungsphase von der verwilderten Mutter getrennt werden. Das schliesst aber nicht aus, dass eine Katze auch später noch lernen kann, mit Menschen zu leben! Und da eine Katze Zeit ihres Lebens lernfähig bleibt, ist dem rein theoretisch auch keine Altersgrenze gesetzt!

Soweit die Theorie. Doch in der Praxis gestaltet es sich weitaus komplizierter, denn es spielen noch sehr viele äussere Faktoren mit hinein. Beispielsweise: Welche Erfahrungen hat die wild geborene Katze vorrangig mit Menschen gemacht und das über welche Zeitspanne hinweg? Ist sie jahrelang nur vertrieben worden und wurden ihr Steine nachgeworfen oder Tritte versetzt? Dann hat sich bei diesem Tier manifestiert, dass der Mensch ein Feind ist, der ihre körperliche Unversehrtheit bedroht. Wir werden vielleicht bei allem Einfühlungsvermögen und aller Liebe nicht bewerkstelligen, dass dieses Tier sich dem Menschen restlos anvertraut. Vielleicht kommt das Kätzchen täglich vorbei, nimmt das Futter an, das wir ihr bereitstellen, schläft vielleicht auch auf unserer Heizung. Aber in der letzten Konsequenz wird sie möglicherweise wild bleiben. Spätestens beim Festhalten, auf den Arm nehmen, unter Umständen auch schon bei der kleinsten Berührung steigen die alten Bilder in ihr hoch und sie bekommt Angst. Unter Umständen fasst das Kätzchen mit der Zeit auch nur zu einem einzigen Menschen vertrauen während es seine misstrauische Haltung allen anderen gegenüber beibehält.

Die grösste Tierliebe, die ein Katzenfreund einem solchen Tier entgegenbringen kann, besteht darin, dass er akzeptiert, dass er eine Katze hat, die er nie richtig „besitzen“ wird! Einer solchen Katze Obhut zu bieten, sie zu impfen und zu entwurmen, sie kommen und gehen zu lassen, wie sie möchte und - am wichtigsten! - sie zu kastrieren  das ist die selbstloseste, reinste Tierliebe, die ein Mensch erbringen kann.

Andere wild geborene Katzen haben unter Umständen weitaus weniger schlechte (oder aber annähernd keine direkten) Erfahrungen mit Menschen gemacht und lernen rasch und dauerhaft, das Zusammenleben mit Menschen zu schätzen und in vollen Zügen zu geniessen. Es gibt „Flaschenkinder“, also Katzen die in nächster Nähe mit Menschen aufgewachsen sind und diese daher nicht als „fremde Spezies“ sondern als „komische Mitkatze“ ansehen, die wilder und nicht selten auch grober im Umgang sind als wild geborene Katzen, die nach langen Irrwegen ein Zuhause gefunden haben. Wir haben es mit ganz individuellen, kleinen Persönlichkeiten zu tun und eine jede Katze bringt zudem ihren eigenen Erfahrungsschatz mit, sodass Voraussagen und Vorurteile gänzlich unmöglich sind. Dies ist wohl auch der Grund, warum Berichte von Menschen, die verwilderte Katzen aufgenommen haben, dermassen voneinander abweichen können.

Schlussendlich spielt der Mensch selbst eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Frage, ob eine wild geborene Katze zutraulich wird oder nicht. Doch was kann man tun, um das Vertrauen eines solchen Tieres zu gewinnen?

Haben Sie Verständnis dafür, dass das Kätzchen alles Erlebte nicht einfach abstreifen kann wie eine alte Haut. Es braucht Zeit, um zu lernen, dass Sie es gut mit ihm meinen. Fassen Sie nicht  jedes Anfauchen als persönliche Beleidigung auf. Die Katze ist aus Unsicherheit auf Abwehr und hat Ihnen mit ihrer ablehnenden Haltung lediglich signalisiert, dass Sie zu schnell zu viel von ihr wollten. (Wie soll sie es auch anders sagen?!) Vielleicht müssen Sie sich damit abfinden, dass Ihnen die kätzische Liebe nur unter Wahrung einer gewissen körperlichen Distanz entgegengebracht wird? Das bedeutet nicht, dass die Katze sie weniger gern hat. Setzen Sie behutsam die „Fremdsprache Katze“ ein, um dem argwöhnischen, kleinen Geschöpf immer wieder Ihre Harmlosigkeit zuzusichern:

Laufen Sie nicht direkt auf die Katze zu. Achten Sie darauf, dass Sie sich ruhig und nicht hektisch bewegen. Setzen Sie sich hin und lesen ein Buch, so dass die Katze die Möglichkeit hat, ihrerseits erste Kontakte zu initiieren. Auch, wenn das Kätzchen Sie abschnuppert oder berührt, reagieren Sie nicht. Je mehr Sie die Katze ignorieren, desto rascher wird sie sich Ihnen nähern, denn Katzen sind ein Ausbund an Neugier. Lassen Sie mit der Zeit einen Arm baumeln und warten ab. Vielleicht hat das Tier durch Ihre ruhige Art schon soviel Vertrauen gefasst, dass es Ihre Hand anschmust, so können Sie beginnen, die sanfte Berührung mit dem Handrücken zu erwidern. Greifen Sie nicht nach ihr und versuchen Sie nicht, sie festzuhalten. Sie können nun auch beginnen, leise und sanft zu reden. Jedoch bis hierhin alles ohne die Katze direkt anzuschauen! Der Blickkontakt ist das Ah und Oh! Wenn Sie der Katze direkt ins Gesicht schauen, kann sie sich bedroht oder provoziert fühlen und es wird unter Umständen gar nicht zu einer weiteren Annäherung kommen. Schauen Sie in Ihre Lektüre oder teilnahmslos in der Gegend umher, so versteht die Katze, dass Sie ihr eine defensive Haltung demonstrieren möchten. Auch, wenn Sie spüren, dass die Katze Sie anstarrt, starren Sie nicht zurück. Lassen Sie den Blick schweifen und streifen die Katze dabei flüchtig. Je vertrauter sich das Tier Ihnen gegenüber verhält, desto mehr dürfen Sie in Ihre Richtung schauen. Bleiben Sie vorläufig bei einem flüchtigen Blick. Fangen Sie dabei von der Katze ein Blinzeln, also ein Katzen-Lächeln auf, so erwidern Sie dieses, wenden danach aber den Blick wieder ab. Wie weit Sie sich mit dem Anschauen und auch dem Berühren vorwagen dürfen, entscheidet die Katze. Sie gibt das Tempo und die Intensität vor. Und je besser Sie es verstehen, auf das Tier einzugehen, desto rascher wird es Vertrauen gewinnen. Natürlich können Sie auch Futter einsetzen, um Freundschaft zu stiften. Doch die beschriebene „Augen-Zeremonie“ ersparen Sie sich damit nicht!